Film

Wir spielen Rathaus
(Premiere: Achtung Berlin Filmfestival, April 2024, Babylon Kino Berlin)

Die Genese der Rathaus-Spiele Oderberg
Die Rathaus-Spiele gründeten sich 2023 als künstlerische Zwischennutzung des Rathauses von Oderberg, initiiert von Performer*innen der Assoziation Limited blindness als Initial-Idee von Regisseur Heiko Michels und Klangperformer Marc Weiser. Im 15 Jahre nicht mehr als Amt genutzten Gebäude verwandelten sich Schauspieler*innen und Akteur*innen der Region in Beamte, spielten Rathaus, gründeten Amtsstuben für neue Belange, mit Öffnungszeiten, performativen Dialogen mit dem Publikum und realen Hilfsangeboten.
Im zweiten Jahr, 2024, mündeten die Rathausspiel zeitlich in die Landtagswahlen Brandenburg. Der in der Luft liegende politische Frust und Fragen der politischen Partizipation wurden zum Thema von Stadt-Land-Laboren, in denen jeweils ein*e Künstler*in/ Akteur*in der Region und ein*e angereiste*r gemeinsam experimentierten. Folgerichtet wurden die Rathaus-Spiele ab jetzt auch eine Kooperation von Limited blindness und der lokalen Initiative Perspektive Oderberg e.V. In beiden Jahren kristallisierte sich der Marktplatz vor dem Rathaus als sozialer Schnittpunkt aller Aktionen heraus, er wurde zum „Plaza“, belebt mit Musik, Bartreiben und spontanen Interkationen. Hier wurde öffentliche Sphäre zur erlebbaren und formbaren Plastik.
So steht jetzt 2025 die Frage nach Öffentlichkeit und Kommunikation ganz im Zentrum: Künstler*innen und Akteur*innen gründen gemeinsam auf dem Marktplatz ein Redaktionsbüro, führen Interviews, recherchieren zu Lokalbefindlichkeiten und experimentieren mit neuen Formen von Veröffentlichung. Wir spielen Medien! – und erproben im Spiel die Blasen zu zerstechen, die uns trennen. An den Donnerstagen erscheint eine Oderberg-Print-Zeitung, von Freitag bis Sonntag spielt täglich eine Stunde „Die Tagesshow“ auf dem Marktplatz und macht das spektakulär, was sonst im toten Blickwinkel liegt. Ein Sprechchor probt, auch zum spontanen Mitmachen, am Markt, stellt die Frage „Wer ist Publikum/ Was ist public?“; zwei Prozessionen durchschreiten die Stadt, sie bringen Akteure des Oderberger Alltags auf die Bühne: die eine Sportvereine, Senioreninitiativen, Fluchtgeschichten – die andere Quellwasser, Flussadern und Grundwassererosionen. Installationen und Litfaßsäulen, Piraten-Radio oder Karikaturenspiegel – viel weiteres zum Thema wächst vor Ort – denn Spontanität ist ein Dogma der Spiele in unserer sonst durchökonomisierten Medien – und Veranstaltungswelt. Dabei geht es zum einen darum, neue Orte fürs Wir zu kreieren, mit Witz, Charme und Rhythmus eine festive leibliche Öffentlichkeit als Gegenmodell zur zunehmenden digitalen Kommunikation zu leben. Zum anderen aber auch darum, die Widersprüchen und Dilemmata, die sonst hinter Gardinen und Teppichen schwelen, und nicht angesprochen werden, in ihrer ganzen Unvereinbarkeit und ihrem Schlamassel auf die Bühne zu lassen.
Die kleine Stadt Oderberg wird 2025 zur Blaupause, um in die akute gesamtgesellschaftliche Medienskepsis, Blasenbildungen der Informationsquellen und in die Entleiblichung von Gemeinschaftserfahrung zu intervenieren.


