Leidgedanke


Liebe Leserinnen und Leser, liebe Nichtleser und Nichtleserinnen,

wer liest und wer liest nicht? Wessen Stimme ist dauernd zu laut und wessen ist zu klein, zu bescheiden, oder seiner Umwelt zu respektvoll gegenüber, um sich gegen das Rauschen der Meinungen durchzusetzen? Wer spricht, um seine Stimme endlich mal zu hören, weil er einsam ist? Wer hat etwas Wichtiges zu sagen, aber findet nirgends eine Tribüne dafür? Wer seine Meinung kundtut, muss Gegenmeinungen erwarten und annehmen. Das ist das Spiel, aus dem unsere durch die Meinungen von vielen gebildete Gesellschaft einst gewachsen ist. Gegen Tyrannei-Herrschaften. Wir alle wissen aus leidvoller Erfahrung mit der Demokratie: es ist nicht so, dass das alles einfach ist. Auch Demokratien verletzten, auch im Spiel setzt sich der Stärkere durch. Es wird gekratzt, gebissen und hinterm Rücken intrigiert. Und Spielregeln werden dabei immer neu ausgefochten, sind nicht ewig, göttlich vom Himmel gefallen. Wir müssen das selbst machen. Ohne Schiedsrichter. Aber es ergibt sich auch immer wieder die Lücke, seine Meinung in den Ring zu werfen. Ohne dass einem gleich der Kopf abgeschlagen wird.

Die Rathaus-Spiele am politik-entkernten Amtsgebäude Oderberg wollen dieses Jahr dieses Spiel spielen. Das Spiel der Medien und Meinungen, des Ausfechtens und Ringens um Positionen, und wir laden ein, mitzuspielen!  Die Tribüne des Marktplatzes ist geöffnet! Dabei sind wir (im Großen und Ganzen) keine Medienmacher, keine Journalisten, keine Autoren, keine Satiriker… wir können da nur ausprobieren, wie Kinder im Sandkasten dürfen wir dabei Dinge verkehrt darstellen, zu groß, zu klein, sie können wieder zerrieseln… im märkischen Sand. Berlin ist auf Sand gebaut, Oderberg wird von Quellen unterspült (eine fließt durchs Rathaus), „nichts ist unenedlich, so sie das doch ein“ – so lautete die melancholische inoffizielle Wendehymne – von „Karussel“ nicht als diese intendiert. Sie war viel näher an den emotionalen Umwälzungen um 89 als das laute, heroische (und englische) „Wind of Change“ der Scorpions. Zweiteres hat sich dann als fast-offizielle Wendehymne durchgesetzt, und wird heut von jeder zweiten Audio- oder Filmdokumentation über die Zeit in die Welt geplärrt. Die Scorpions aus Hannover verdienen weiter gute Tantieme an der Wende.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Nichtleser und Nichtleserinnen,
wahrscheinlich sind es jetzt schon mehr Nichtlesende, denn unsere Fähigkeit zur Aufmerksamkeit wurde in letzter Zeit hart in Anspruch genommen. Und viele Gedanken der Leser*innen dieses Artikels sind schon abgeschweift, weil das Handy piept oder man nach einem Piepen des Handys schielt. Ohne diesen Mini-Mobilcomputer in der Hand kann man kaum noch einen Restauranttisch reservieren, Bus fahren oder sich verabredet (weil der oder die andere, mit dem verabredet ist, ja automatisch davon ausgeht, dass man dauernd erreichbar ist, man Ort und Zeit immer anpassen kann.) Aus den scheinbar kostenlosen Angeboten dieser Geräte springen uns aber kontinuierliche Nachrichten, Werbungen, Empfehlungen entgegen. Und schnell hat man eine der Sozialen-Medien-Apps installiert, weil man am Ball bleiben will. Bis man da den Ball aber auch mal selbst werfen kann, Klicks bekommt (und damit Kicks bekommt), hat sich auch schon die eigene Sprache der Aufmerksamkeitsökonomie dieser Streams angepasst. Auch hier fallen die zu leisen, die zu sensiblen, die zu bizarren Töne raus. Hass, Wut oder überzogene Selbstdarstellung im Optimierungsfilter setz sich durch gegen feine Kritik, Empörung oder Selbstzweifel.    

Wenn dieser Artikel „Leidgedanke“ überschrieben ist, ist das vielleicht ein blödes Wortspiel. Aber es trifft doch eines: dass man das Leiden und Zweifeln, die Unsicherheit und Unentschlossenheit oft nicht in die Öffentlichkeit bringt. Sie haben keine Lobby. Den Schmerz, den heute viele Spüren, weil in den letzten Jahren so viele Gewissheiten und Sicherheiten weggebrochen sind, weil die Zukunft bedrohlich ist, weil ein Krieg in Europa herrscht, weil sich persönliche Bindungen und intensive Momente unter dem Störgeräusch digital-medialer Einbrüche zersetzten, für diesen Schmerz scheint es kein adäquates Ventil zu geben. Pathos und Leiden, das wird von Hollywood verwaltet. Aber unsere persönlichen „Wehwehchen“, die will doch keiner hören. Ein Leitgedanke dieses Leidgedankens könnte von Georg Büchner stammen, der seinen „Lenz“ sagen lässt:

„Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon, doch seien sie immer noch erträglicher, als die, welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen, unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl, daß was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.“

In dieser, unserer Wochenendzeitung, der „Oderberger Tribüne“, in den sechs tageschau-tagesshows, die wir auf dem Marktplatz zelebrieren, in den Foren und Dialogrunden, die wir im Rahmen der Rathaus-Spiele veranstalten, soll auch das „zu Kleine“ und das „zu Große“ zu Wort kommen, da, was sonst keine Tribüne findet, was im Steam der Informationen die Aufmerksamkeit überspringt oder als uncool vor-aussortiert wird, der große Schmerz wie das Wehwehchen, das, was wir im Alltag übersehen, was aber doch so viel Leben hat, und eine Schönheit, deren ästhetischen Normen nur noch nicht entdeckt sind. Wir wollen den Koloss winzig zeigen oder Kleine zu Groß machen, auch in dem wir es Verzerren oder das Wehwehchen zum Geschrei aufblasen, auch wenn wir es damit der Lächerlichkeit preisgeben. Denn was gibt es Besseres als gemeinsam zu lachen, um mit den Situationen klarzukommen, die wir nun mal nur als Gemeinsamkeit anpacken können? Es geht um Satire mit vielleicht doch wichtigem Nachrichtengehalt, um ernste Spiele, oder besser: spielenden Ernst.

Liebe Nichtleserinnen und Nichtleser, es geht um Euch! Um das, was nicht gelesen wird, um das, was vermeintlich keiner schreibt, und um die Zeit, die wir nicht haben, um die Dinge zu lesen oder zu schrieben.  Die Rathaus-Spiele 25 laden in eine Frei-Zeit ohne schon fertige Gestaltung. Der Marktplatz wird für zwei Wochen zur Leinwand, zur Zeitung, um das zu Markte zu tragen, was vermutlich keiner hören will. Was vermutlich keiner kaufen will. Zeigen wir unsere Wunden und Wehwehchen, sprechen wir aus, worüber wir heimlich lachen. Tauschen wir uns aus! 

hm

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